Immer wieder die gleichen Statements

Die sechste Terror-Attacke in Deutschland hat gezeigt: Es kann jeden treffen, überall. In diesem Fall geschah es in einem Hamburger Supermarkt. Der 26-jährige Ahmad A., ein palästinensisscher Flüchtling aus den Verinigten Arabischen Emiraten, öffnete die Verpackung eines Küchenmessers aus dem Sortiment des Marktes und stach mit der 20 Zentimeter langen Klinge wahllos auf Menschen in seiner Nähe ein. Ein Mann wurde getötet, sieben weitere verletzt. Der Attentäter floh und wurde auf der Straße von einer Gruppe von Männern überwältigt. Er sitzt jetzt wegen Mordverdachts hinter Gittern. Vermutlich ist er voll schuldfähig.

Scholz HamburgEin Attentat aus dem Affekt heraus? Ist die Entscheidung, diese Tat zu begehen, quasi über Ahmad A. gekommen, nachdem er den Supermarkt, in dem er vorher selbst eingekauft hatte, schon verlassen hatte? Er scheint einer von denen zu sein, die sich in rasantem Tempo radikalisieren. Der junge Mann, der als Asylbewerber via Norwegen nach Deutschland gekommen ist, zeigte auffällig Verhaltsveränderungen. Plötzlich trank er keinen Alkohol mehr, feierte nicht mehr, zog sich zurück, betete oft, sprach viel über den Koran, zitierte in Flüchtlingscafés lautstark Koran-Verse. Ein Freund meldete dies der Polizei. Verfassungsschützer befragten den Verdächtigen und  speicherten ihn als Verdachtsfall unter 800 anderen Islamisten der Stadt. Als gefährlich wurde er allerdings nicht eingestuft.

Hinterher ist man ja immer schlauer. Es ist noch ein anderer Fehler im Umgang mit Ahmad A. passiert. Schon 2015 hätte er nach Norwegen abgeschoben werden können, das nach dem Dublin-Abkommen verpflichtet gewesen wäre, ihn aufzunehmen. Die Frist wurde seitens des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BaMF) jedoch um einen Tag verpasst. Norwegen lehnte die Aufnahme dann ab.

Ahmad A.s Asylantrag war abgelehnt worden. Er war damit ausreisepflichtig. Anders als in ähnlich gelagerten Fällen – etwa Anis Amri, wo Tunesion die Rücknahme verweigerte, weil Papiere fehlten – zeigten sich die palästinensischen Behörden konstruktiv und wollten Ersatzpapiere ausstellen. Ahmad A. zeigte sich ausreisewillig. Noch am Tag der Attacke hat er bei der Ausländerbehörde nachgefragt, ob seine Papiere angekommen seien. Zudem war er nach Angaben der Ermittler nicht in die Islamistenszene verstrickt, anders als Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz. Zwei Punkte also, welche die Behörden bewogen haben könnten, Ahmad A. nicht als unmittelbar gefährlich einzustufen. Vielmehr galt er als labil, auch soll er Drogen genommen haben.

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Attentäter

Es gab bisher sechs Attentate in Deutschland seit Anfang 2016:

  • 26. Februar 2016: „Aus Sympathie für die Terrormiliz ‚Islamischer Staat'“, schreibt FR-Autor Markus Decker, „griff die minderjährige Safia S. mit deutscher und marokkanischer Staatsangehörigkeit bei einer Personenkontrolle am Hauptbahnhof Hannover einen Bundespolizisten mit einem Küchenmesser an und verletzte ihn lebensgefährlich. Bereits einen Monat vorher hatte sie versucht, über die Türkei nach Syrien bzw. in den Irak auszureisen, konnte aber von ihrer Mutter nach Deutschland zurückgeholt werden. Die verhinderte Ausreise war offenbar Auslöser der Tat.“
  • 16. April 2016: Sprengstoffexplosion in einem Gebetshaus der Sikh-Gemeinde in Essen. Drei Personen wurden verletzt, eine davon schwer. Die Hauptverdächtigen, drei in Deutschland geborene Minderjährige, sind einschlägig vernetzte IS-Sympathisanten.
  • 18. Juli 2016: Ein minderjähriger Asylsuchender, der sich in einem selbstgemachten Video als „Soldat des Kalifats“ bezeichnete, attackierte in einem Regionalzug bei Würzburg Mitreisende mit einem Beil. Vier Angehörige einer Familie aus China wurden zum Teil schwer verletzt. Der Täter griff später Polizisten an, die ihn töteten. Der IS bekannte sich zu dieser Tat.
  • 24. Juli 2016: Explosion in der Nähe der Eingangskontrolle zu einem Musikfestival. 15 Menschen wurden verletzt. Der Täter, ein syrischer Asylsuchender, starb. Zuvor hatte er versucht, auf das Festivalgelände zu gelangen. In einem vor der Tat aufgenommenen Video bekannte er sich zum IS.
  • 19. Dezember 2016: Der Tunesier Anis Amri fuhr einen Lkw in eine Menschenmenge auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. Zwölf Personen wurden getötet und mehr als 50 zum Teil schwer verletzt. Der Täter hatte sich seit 2015 unter falschen Identitäten als Asylbewerber in Deutschland aufgehalten. Ihm gelang nach dem Anschlag die Flucht nach Italien. Dort wurde er am 23. Dezember 2016 in der Nähe von Mailand von Polizisten getötet. Der IS reklamierte den Anschlag für sich.
  • 28. Juli 2017: Der Palästinenser Ahmad A. ersticht in Hamburg einen Mann und verletzt sieben Personen, bevor er überwältigt werden kann.

Es ergibt sich folgendes Muster an Übereinstimmungen:

  • Die Attentäter sind überwiegend männlich und sehr jung, teilweise sogar minderjährig. Der Attentäter von Ansbach war mit 27 Jahren der älteste von ihnen.
  • Sie sind allesamt keine Rückkehrer, also Dschihadisten, die aus Deutschland nach Syrien gezogen sind, um für den „Islamischen Staat“ zu kämpfen. Die Behörden nahmen an, dass von diesen Rückkehrern die größte Terrorgefahr für Deutschland ausgehe.
  • Sie radikalisierten sich offenbar alle in Deutschland.
  • Sie benutzten meist einfachste Mittel für ihre Tat. Affekt scheint vielfach eine Rolle gespielt zu haben. Der Anschlag auf das Gebetshaus der Sikh in Essen bildet hier offenbar eine Ausnahme.

Unterschiede:

  • Es gibt keine übereinstimmenden Muster bei der Herkunft. Die Täter stammen aus den verschiedensten Weltgegenden oder waren sogar in Deutschland geboren (Essen). Vier von ihnen können zwar als Flüchtlinge bezeichnet werden, stammen aber aus vier verschiedenen Ländern. Nur einer von ihnen (Würzburg) kam mit dem großen Flüchtlings über die Balkanroute, der Ansbacher Täter aber lange vor dem großen Flüchtlingstreck.
  • Unterschiede gibt es auch hinsichtlich der Vernetzung in der Islamistenszene. Safia S. trat schon als Siebenjährige mit dem Hassprediger Pierre Vogel auf. Die 16-jährigen Attentäter von Essen waren als Salafisten bekannt. Auch von Anis Amri war bekannt, dass er in der Islamistenszene verkehrte. Schlampereien bzw. Verschleierung bei den Ermittlungsbehörden verhinderten entsprechende Konsequenzen. Bei den Attentaten von Würzburg und Ansbach sind Beziehungen zum „Islamischen Staat“ belegt oder wahrscheinlich. Im Hamburger Fall sind hier noch Fragen offen.

Unbequeme Fragen

Der Ruf nach schärferen Gesetzen geht nicht nur fehl, er verdeckt auch mit seinem Verbalaktionismus eine unbequeme Wahrheit: Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit vor solchen Anschlägen, aber die existierenden Schutzmechanismen sind offenbar verbesserungswürdig. Den Schwarzen Peter sehe ich allerdings nicht in erster Linie bei den Sicherheitsbehörden, sondern bei der Politik, deren zum Dogma erhobener Sparzwang unsere Sicherheitsarchitektur anfällig gemacht hat. Das beginnt beim Personal. Nun zeigt sich, dass wrackgesparte Strukturen nicht von einem auf den anderen Tag wieder hochgefahren werden können. Und gewiss ist auch hinsichtlich der Zusammenarbeit der europäischen Sicherheitsbehörden immer noch Luft nach oben.

Das soll die deutschen Behörden jedoch nicht vor Kritik schützen. Der Fall Anis Amri hat das eklatante Versagen der Berliner Polizei gezeigt. Die Bewertung des Hamburger Falls hingegen ist noch uneindeutig. Hätte der Verfassungsschutz Ahmad A. als gefährlich einstufen müssen? Man muss ja aus Sicht der Behörden vorsichtig bleiben, denn es könnte sein, dass jemand, der bösen Willens ist, Ahmad A. denunzieren wollte, aus welchen Gründen auch immer. Ahmad A. war nicht vorbestraft, er arbeitete mit den Behörden zusammen, was die Beschaffung seiner Papiere betraf, war anscheinend ausreisewillig – Indizien, die dagegen gesprochen haben könnten, ihn eindeutig als Gefährder einzustufen.

Trotzdem muss eine solche auffällige Verhaltensveränderung, wie Ahmad A. sie zeigte, ein Grund zum genauen Hinsehen sein. Offenbar befindet sich Deutschland in dieser Hinsicht immer noch in einem Lernprozess. Es ist vermutlich unmöglich, verdeckte Ermittler in die Salafistenszene einzuschleusen, aber die – vollständige? – Überwachung ihrer Online-Aktivitäten sollte möglich sein. Statt Gesichtserkennung auf öffentlichen Plätzen zu erproben und damit einen Schritt Richtung Überwachungsstaat zu gehen, müssen unsere Sicherheitsbehörden technisch und personell in die Lage versetzt werden, die wahren Gefährder möglichst lückenlos zu überwachen. Daneben brauchen wir Präventivprogramme, um das Abdriften junger Menschen in die Fänge der islamistischen Hetzer zu verhindern. Die Sache mit den Abschiebungen hingegen sehe ich kritisch, weil die Behörden sehr auf den guten Willen der Empfängerländer angewiesen sind. Zudem wachsen Islamisten nach. Abschiebungen lösen das Problem nicht.

Wir müssten uns mal fragen: Warum werden solche Menschen bei uns zu Islamisten? Weil sie verführt werden? Oder/und weil wir uns ausgrenzend verhalten? Weil sie psychisch labil sind? Weil wir weggesehen haben, statt zu helfen? Würden diese Menschen Hilfe überhaupt annehmen, was ja voraussetzen würde, sich selbst als hilfsbedürftig zu begreifen? Ist möglicherweise die Kluft zwischen Herkunfts- und Ankunftskultur zu groß für manche dieser Menschen, so dass sie die mentale Ankunft in Deutschland nicht schaffen? Was können wir in unserem eigenen Interesse dafür tun, dass diese Kluft überwunden werden kann? Wir sind es gewohnt, das Gelingen von Integration quasi als Bringschuld der Ankömmlinge zu begreifen, aber gibt es nicht auch eine Holschuld unsererseits, nachdem wir sie in dieses Land gelassen haben, das ihnen fremd sein muss?

fr-balken

Leserbriefe

Peter Illion aus Oberursel:

„Ist Deutschland mittlerweile ein Versuchsfeld für potentielle islamistische Täter, die sich hier ausprobieren können? Wie lange schauen die politisch Verantwortlichen dem Ganzen denn noch wie die Teletubbies untätig zu? Hunderte „tickende Zeitbomben“ (sogenannte Gefährder) sind den zuständigen Behörden bekannt und werden aufgrund tiefgreifender Einsparmaßnahmen auf Bundes- und Länderebene bei der Polizei und anderen Verfassungsorganen und der daraus resultierenden angespannten Personalsituation mehr oder weniger überwacht.
Wieso werden denn zumindest abgelehnte Asylbewerber, die als Gefährder bekannt sind, nicht konsequenter und schneller abgeschoben, so wie dies im jetzigen Hamburger oder auch im Berliner Fall möglich und notwendig gewesen wäre. Die Gesellschaft hat meines Erachtens ein Recht und die politisch Verantwortlichen die Pflicht, die Bevölkerung durch entsprechende Maßnahmen, sei es durch 1. rechtlich zulässige Instrumente oder 2. entsprechende Gesetzesänderungen, zu schützen. Insbesondere wenn, wie in den beiden genannten Fällen, die zuständigen Stellen sogar noch vorgewarnt waren und entsprechende Kenntnisse hatten.
Die zuständigen Behörden schieben doch andere hier lebende ausreisepflichtige Personen – teils ganze Familien – auch schnell und konsequent ab, obwohl diese seit Jahren vollständig in die Gesellschaft (beruflich, schulisch usw.) integriert sind und von denen in keinster Weise eine Gefahr für andere ausgeht!
Es reicht einfach nicht aus, nach jeder dieser oftmals religiös motivierten Taten – die anscheinend mittlerweile zur Normalität in diesem Land zu werden scheinen – die gleichen Statements zu artikulieren, härtere Gesetze und Konsequenzen zu fordern, ohne jedoch nachhaltig zu handeln.“

Alfred Kastner aus Weiden:

„Die tödliche Messerattacke eines abgelehnten Asylbewerbers in einem Hamburger Supermarkt wirft eine entscheidende Frage auf: Wieso kann sich vor diesem Hintergrund ein den Behörden bekannter Islamist in der Öffentlichkeit frei bewegen?
Nach Öffnung der Grenzen durch Kanzlerin Merkel im September 2015 und der darauffolgenden Politik des Durchwinkens haben etwas mehr als eine Million Menschen in Deutschland einen Asylantrag gestellt. Im Jahre 2017 wurden rund 55 % der Asylanträge abgelehnt. Diese Ablehnungsquote entspricht weitgehend auch dem Durchschnitt der vorhergehenden Jahre. In Deutschland sind somit seit 2015 nahezu 600.000 Menschen ohne rechtlichen Grund auf Asyl eingereist. Die Abschiebequote ist trotz in Wahlkampfzeiten anderslautender politischer Rhetorik nach wie vor sehr gering. Viele Herkunftsländer sind zur Rücknahme der Flüchtlinge nicht bereit.
Eine Geschichte, die vor kurzem in einem bekannten Nachrichtensender veröffentlicht wurde, hat mich hinsichtlich der Asyldebatte in Deutschland nachdenklich gestimmt. Ein junger Familienvater, von Beruf Ingenieur, hat nahezu sein ganzes Vermögen investiert, um seiner Frau und den beiden Kindern aus dem Kriegsgebiet in Syrien die Flucht nach Europa zu ermöglichen. Er wollte zunächst zurückbleiben, um „Haus und Hof“ solange es geht zu beschützen. Seine Frau und die Kinder besäßen die höchste Priorität, deren eigenes Leben zu retten. Diese haben es gottlob bis nach Deutschland geschafft, die Kinder gehen mittlerweile hier zur Schule und integrieren sich sehr gut. Dem Mann selbst blieb letztendlich keine andere Wahl als ebenfalls die Flucht zu ergreifen, er sitzt jedoch seit mehr als einem Jahr in Mazedonien in einem Flüchtlingslager fest. Kanzlerin Merkel hat in Wahlkampfzeiten zwischenzeitlich ihren „Grenzöffnungshebel“ (in der Praxis) wieder umgestellt.
Die junge Frau und ihre Kinder sind eher eine Ausnahmeerscheinung der Flüchtlingswelle seit dem Jahre 2015. Das Flüchtlingsbild dominieren weit überwiegend junge Männer aus dem arabischen Sprachraum. Von einem nicht geringen Teil dieser Männer ist im Grunde wenig bekannt.
Mit ihrer vehementen Ablehnung einer Obergrenze sendet Merkel das Signal in die Welt, dass sich an der Willkommenskultur in Deutschland seit dem September 2015 nichts geändert hat. Und dies obwohl sie eigentlich keine „Flüchtlingskanzlerin“ mehr sein möchte. Im Wahljahr geriert sie sich lieber als „Hüterin für Recht und Ordnung“.
Nun aber hat das höchste EU-Gericht ein Urteil gefällt, dass alle Wunden ihrer planlosen und letztendlich gescheiterten Flüchtlingspolitik wieder offen legt. Das EU-Gericht hat bestätigt, dass die EU-Regeln auch in Ausnahmesituationen gelten. Demnach hätte Merkel im September 2015 mit der Öffnung der Grenzen illegal gehandelt. Dasselbe Urteil enthält jedoch auch eine Klausel, die sich zugunsten der Kanzlerin auslegen lässt. Es ist die so genannte Eintrittsklausel. Sie besagt, dass ein EU-Land Asylbewerber aus humanitären Gründen freiwillig aufnehmen darf. Die Richter haben Merkel damit nach meiner Überzeugung eine „goldene Brücke“ gebaut.
Es gab in früheren Zeiten Politiker, die Verantwortung übernahmen und persönliche Konsequenzen aus den Folgen ihrer Entscheidungen zogen. Nur wer an der Macht festklebt, kann sich nicht mehr eigenständig von ihr befreien.“

4 Kommentare

  1. Peter Boettel sagt:

    Ich vermisse bei der Aufzählung der Attentate den Amoklauf von München, bei dem es sich offensichtlich um einen Täter mit rechtsextremistischem Hintergrund handelte.

    Ich belasse es bei diesem Kommentar und werde aus bestimmten Gründen künftig keine mehr absenden.

  2. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bronski

    Zu den Fragen am Schluss Ihrer Einleitung:
    Dass die Aufnahmegesellschaft bereits bei den vielen Zuwanderern, die in den letzten 50 Jahren zu uns gekommen sind, Fehler gemacht hat, ist doch nun wirklich ein alter Hut. Und dass auch ein reiches Land wie Deutschland überfordert ist, wenn es innerhalb kürzester Zeit eine Million Flüchtlinge aufnehmen, versorgen, beschulen und integrieren soll, ist auch nicht verwunderlich. Bessere Unterbringung und Betreuung, schnellere Bearbeitung der Asylanträge etc., dafür müssen doch erst einmal die Ressourcen geschaffen werden, und die kann man nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen. Da entsteht bei manchem Zugewanderten, der sich Europa als Paradies vorgestellt hat, ein gewisser Frust, das ist unvermeidlich. Für alles und jedes nun die Schuld bei uns zu suchen, halte ich für unangemessen.
    Der Islamismus ist eine Bewegung, die in bestimmten islamischen Ländern entstanden ist und sich dort stärker ausbreitet und mehr Opfer fordert als in Europa. Da ist es meiner Ansicht nach naheliegend, dass einige entwurzelte und verwirrte Geister nach den Traumata, die sie z. T. erlitten haben, sich auch hier von diesen wahnhaften Ideen anstecken lassen. Unsere Behörden und Organisationen tun, was sie können. Da sollten wir aufhören, uns ständig in Zerknirschung Asche aufs Haupt zu streuen.

  3. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Was verbindet diese Attentäter? Zum einen ihre Herkunftsländer, die von einem konservativen bis reaktionären Islam geprägt sind und die keine demokratischen Traditionen haben. Zum andern scheinen sie unpolitisch (gewesen) zu sein. Falls sie um politisches Asyl nachgesucht haben sollten, könnte dies nur ein vorgeschobener Grund gewesen sein. Denn mutmaßlich suchten sie vorrangig Zuflucht vor den Kriegen in ihren Heimatländern bzw. sahen dort keine wirtschaftlichen Lebensperspektiven mehr. Auch das sind nachvollziehbare Gründe und sie sind nicht ehrabschneidend. Doch dass diese jungen Männer politisch verfolgt wurden, wird man überwiegend ausschließen können.

    Das Land, auf welches sie alle Hoffnungen setzten, ist ihnen offensichtlich fremd geblieben. Möglicherweise, weil sie vorher völlig falsche Informationen erhalten hatten (z.B. von Schleppern) und weil sie die Sprache gar nicht oder nicht gut genug gelernt hatten (was in der relativen Kürze der Zeit auch nicht verwundert). Es mangelte ihnen sicherlich sowohl an notwendiger Allgemein- als auch an Fachbildung. Vermutlich blieb ihnen auch das alltägliche Leben der Menschen ein Rätsel. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einschließlich der Freiheit der sexuellen Orientierung, die völlig andere Bewertung der Familie sowie dem, was die Neuankömmlinge traditionell unter Ehre verstehen, haben sicherlich eine Art Kulturschock ausgelöst. Aber die Eingeborenen und diejenigen, die hier schon lange leben und diesen Lebensstil zu ihrem eigenen gemacht haben, verspüren keinen Bedarf, daran etwas zu ändern. Lediglich rechte Gruppen, die für ihre intellektuellen und ethischen Defizite hinreichend bekannt sind (neben AfD auch NPD, Dritter Weg, Identitäre etc.), propagieren einen Marsch nach Rückwärts, vermeiden aber, einen Zeitpunkt konkret zu benennen, auf den die Uhr der gesellschaftlichen Entwicklung zurückgestellt werden soll.

    Die Gewalt, welche die Geflüchteten und Zuwanderer unterschiedslos anwendeten, erwuchs aus ihrem Frust. Das unterscheidet sie vom typischen politischen Attentäter. Letzterer möchte einen Diktator oder den einflussreichen Vertreter eines von ihm als illegitim, inhuman oder verbrecherisch empfundenen Regimes beseitigen. Ich gehe davon aus, dass diese Täter hingegen noch nicht einmal die Namen der tonangebenden Berliner Politiker kannten bzw. kennen, von dem der Kanzlerin einmal abgesehen.

    Ich befürchte deswegen, dass die Maßstäbe, nach denen wir seit den 50er Jahren Flüchtlinge beurteilen und ihnen entsprechende Förderungsmaßnahmen zukommen lassen, nicht ausreichen, um diesen Menschen gerecht zu werden. Und dass folglich der größte Teil der Integrationsangebote falsch ist. Ja, ich gehe sogar noch weiter und halte einen Seiteneinstieg in die komplexen Gesellschaften Westeuropas für nahezu ausgeschlossen, falls bestimmte kulturelle Einsichten und berufsfachliche Qualifikationen nicht vorhanden sind. Ein Arzt, ein Ingenieur oder ein qualifizierter Handwerker werden auf überwindbare Hürden stoßen. In Frankreich sowie im wallonischen Belgien zeigt sich allerdings, dass die Beherrschung der Landessprache allein nicht ausreicht, um sich integrieren zu können. Mangelhafte Bildungsbereitschaft in Verbindung mit religiös motivierten Distanzierungen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft tragen auf ihre Weise zu diesem Konflikt bei. Die Benachteiligten schließen sich nicht Gewerkschaften und Parteien an, um ihre Interessen zu vertreten. Sie gehen auf die Straße, nicht um zu demonstrieren, sondern um mit Gewalt ihre teils berechtigten Forderungen zu diskreditieren.

    Was könnte getan werden? Der deutsche Innenminister favorisiert die Errichtung von Zentren an der nordafrikanischen Mittelmeerküste und setzt parallel auf die Stabilisierung der Flüchtlingslager an der türkischen Ägäis. Dort sollten die Auswanderer quasi gefiltert und möglichst zum Verbleib in ihrer jeweiligen Heimat angehalten werden. Als eine Maßnahme zur Förderung der Infrastrukturen vor Ort geschweige denn zur Sicherung der Zivilgesellschaften in Europa kann man diese Pläne nicht bezeichnen.

    Richtig ist hingegen, dass der Schlüssel zur Problemlösung in den Ländern liegt, die von ihren Bewohnern aus den geschilderten Gründen in Massen verlassen werden. Im 18. und 19. Jahrhundert haben die großen Handelsnationen dort Kolonien errichtet, die im 20. Jahrhundert nach Unabhängigkeit verlangten. Mit westlicher Wirtschaftshilfe sollten die Folgen einer jahrzehntelangen Ausbeutung gemildert werden. Das Geld floss jedoch allzu häufig in die falschen Hände; vielfach entpuppten sich die Industrieanlagen als verlängerte Werkbänke multinationaler Konzerne ohne nachhaltige Bedeutung für die einheimische Wirtschaft. Vielleicht könnte man angesichts der Massenflucht aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

    Die Staaten der Europäischen Union sollten Szenarien entwickeln mit dem Ziel, Handels- und Bildungsniederlassungen im Nahen Osten und in Afrika zu errichten und diese auch gegebenenfalls militärisch schützen zu lassen – und nicht längst abgehalfterte Regime und diverse War-Lords.

    Die wirtschaftlichen Erträge dürften nicht ausschließlich Konzernen zu Gute kommen, sondern auch den dort Beschäftigten und den staatlichen Einrichtungen. Die Vorteile lägen auf der Hand: Menschen fänden in ihren Heimatländer Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sich weiterzubilden, sozial abgesichert zu sein und einen Lebensstandard zu erreichen, der deutlich oberhalb jener Alimentierung läge, die in Europa erreichbar wäre. Die Infrastrukturen der Länder könnten auf gesunde Weise wachsen und die EU verschaffte sich sogar Voraussetzungen für einen sozial gerechten Welthandel jenseits des US-amerikanischen und chinesischen Imperialismus.
    Das mag utopisch klingen. Doch die gegenwärtigen Maßnahmen laufen allesamt darauf hinaus, den lodernden Weltbrand weiter anzufachen und dabei zu riskieren, dass er früher oder später auch in der EU ausgetragen würde – die derzeitigen Attentate sind nichts anderes als die Vorboten einer unheilvollen Entwicklung.

  4. Frank Wohlgemuth sagt:

    „Die Gewalt, welche die Geflüchteten und Zuwanderer unterschiedslos anwendeten, erwuchs aus ihrem Frust. “ (Klaus Philipp Mertens)
    @ Klaus Philipp Mertens

    So gut ich Ihren Beitrag finde – an dieser Stelle ist er mir zu dünn, Frust allein reicht nicht für eine Erklärung:
    Die normale Reaktion auf das Gewahrwerden eines nicht selbsbestimmten Kulturbruches, der ja immer auch mit Identitätsverlust einhergeht, ist der unbestimmte Versuch einer Restauration der eigenen Identität, wie Sie es für die geistig etwas langsameren Mitglieder unserer Gesellschaft selbst beschreiben.
    „Was verbindet diese Attentäter? Zum einen ihre Herkunftsländer, die von einem konservativen bis reaktionären Islam geprägt sind und die keine demokratischen Traditionen haben.“ (Klaus Philipp Mertens)
    Das heißt, dass wir häufig den Rückfall in die alte Religion haben, in diesem Fall mit Unterstützung der meisten Geistlichen (ditib und die Saudis lassen grüßen). Wir brauchen da auch weder eine Verführung durch den IS noch eine Verbindung zum ihm, um zu radikalisieren. Der Koran selbst in seiner normalen Lesart, die durch die Abrogation bestimmt wird und eben anders ist, als es uns von den wenigen und durchaus sympathischen muslimischen Exoten, die regelmäßig in die Talkshows eingeladen werden, vorgeführt wird, ist eine direkte Anleitung zur Gewalt gegen Ungläubige. Wer das nicht glaubt, mag sich die regelmäßigen Kommentare aus der Azhar in Kairo zu Gemüte führen – Die Azhar gilt als DIE wissenschaftliche islamische Institution. Wer den Koran als die Worte Gottes ohne Einbindung in eine Gemeinschaft liest, die durch ihre täglichen Kompromisse eine gewisse Bodenhaftung erzwingt, kann auch in der inneren Emigration und ohne weitere Anstöße von Außen zum „Gotteskrieger“ werden.